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Dem Mont Ventoux hat man einige Beinamen gegeben. Wenn der
Ursprung von Ventoux
tatsächlich der stürmische
Wind ist, dem man am Gipfel ständig ausgesetzt ist, halte ich
diesen Namen für den besten. Alle anderen Versuche, die
Eigenart des Berges kurz und bündig zu beschreiben, scheitern
an der Verschiedenheit der Landschafts- und Vegetationsformen, auf
die man hier trifft.
Die Unterscheidung des vergleichsweise sanften Südhangs vom
steilen Balcon Nord
wurde mir bereits vor meinem ersten
Besuch durch die Reiseliteratur nahegelegt. Ob ich genug Text
für zwei Seiten zusammenbringe, weiß ich nicht, aber die
Wanderungen im Süden hinterlassen jedenfalls ein völlig
anderes Gefühl als am Nordhang.
Den meisten Menschen hierzulande ist der Ventoux, -wenn überhaupt-, nur durch die Fernsehübertragungen der Tour de France ein Begriff. Der nebenstehende Link wendet sich ebenfalls hauptsächlich an Radfahrer.
Der Insektenforscher und Botaniker Jean-Henri Fabre (siehe Orange ) besuchte sehr oft den Mont Ventoux. Er fand hier ein ideales Freiland-Forschungslabor quasi vor seiner Haustür, denn der Berg vereinigt an seinen Hängen alle Klima- und Vegetationszonen Europas, vom Mittelmeer bis Lapland.
Durch seinen Bericht einer Erstbesteigung im Jahre 1336 wurde
Francesco Petrarca zum offiziell ersten Alpinisten
(inzwischen muss die Authentizität des Berichts leider
angezweifelt werden). Ihm folgten zahlreiche Nachahmer,
darunter auch der Dichter Frédéric Mistral.
Seit ihm gilt die Besteigung vor Morgengrauen als die richtige
Weise, sich dem Berg zu nähern-, comme il faut
.
Ich war immer zu lasch, um mich im Dunkeln oder gar am Vorabend des eigentlichen Aufstiegs mit dem Schlafsack auf den Weg zu machen. Darum blieb mir auch der Anblick des gigantischen Ventoux-Schattens in der westlichen Ebene bisher leider verwehrt...
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Der Ventoux, von den Dentelles de Montmirail aus gesehen. So drängt sich nach der einen Tour schon die nächste auf. |
Der Mont Ventoux ist allgegenwärtig, wenn man sich in der Vaucluse nördlich des Luberon aufhält. Es gibt zwei prinzipielle Stoßrichtungen für Wanderungen zum Gipfel. Die Nordseite erreicht man am besten über Malaucène. Von L'Isle sur la Sorgue aus liegt der Ort ca. doppelt so weit entfernt wie Carpentras im Norden, südöstlich von Vaison La Romaine.
Zum Gipfel kam ich beim ersten Mal von Süd-Osten her. Da habe ich am Chalet Reynard geparkt (auf ca. 1.400 m Höhe).
Beide Strecken werden auch andauernd von Radfahrern genutzt, die die schier unglaubliche Tortur auf sich nehmen, von Malaucène, Sault oder gar Bédoin (300m) aus zum Gipfel aufzubrechen. Für den völlig ausgebrannten Spaziergänger ist das deprimierendste, wenn diese Leute den Gipfel auch noch munter, vergnügt und keinesfalls ausgelaugt erreichen. Hinterher stürzen Sie sich dann wieder die Serpentinenstraße hinab...

Natürlich breche ich nicht aus Malaucène zum Aufstieg auf. Laut der Radfahrerseite auf lemontventoux.net werden von dort aus bis zum Gipfel noch 1.535 Höhenmeter gemessen, und ich bin weder Lance Armstrong noch Louis Trenker.
Nein-, als der Tourist, der ich hier immer bleiben werde, fahre
ich brav mit dem Auto bis zur Skistation Mont Serein auf 1.428
Meter hinauf (der Gipfel liegt bei 1.912 Metern). Die Tour, die man
am Balcon Nord unternimmt, geht unterhalb des Kamms entlang und die
Strecke lässt sich auch variieren. Mit dem
abschließenden Gipfelspurt kann man sich belohnen... solange
der Betonklotz und die Masse von Autos und Motorrädern dort
oben nicht stören.
Der Vorzug dieser Wanderung gegenüber der Südseite des
Berges besteht eben darin, dass man den Gipfel erst kurz vor
Schluss sieht. Naja, ein bisschen mehr ist schon drin. Und man muss
auch nach ganz oben, wenn man die totale Rundumsicht erleben
möchte.
Die Wanderkarte, die man mitnehmen sollte, ist die 3140ET aus der Série Bleue des IGN. Ein Kompass ist nicht nötig, kann aber beruhigend wirken und bei der Identifizierung entfernter Landmarken helfen.
Normalerweise informiere ich mich vor einer Wanderung aus einem
gedruckten Führer über den Verlauf und die zu erwartenden
Schwierigkeiten. Am Mont Ventoux läuft man am einfachsten auf
einem der beiden sentiers de grande randonnées
, GR4
oder GR9.
Man findet den GR9 schnell im Osten der Skistation Mont Serein und folgt ihm am besten stur in Richtung Col de la Frache (Richtung Ost-Süd-Osten (korrigiert, sorry)). Diese Wanderwege sind ausgezeichnet markiert. Man kann sich nicht verlaufen. Unterwegs bieten sich Möglichkeiten, nach rechts abzubiegen, um den oberhalb gelegenen Bergkamm zu erreichen oder schon kurz nach dem Start über den abzweigenden GR4 direkt zum Gipfel aufzusteigen.
Erst einmal auf dem GR9 zu bleiben, lohnt sich aber mehr. Man
dringt zunächst in den Pinienwald ein, und findet vereinzelte
Vertreter des uralten, ursprünglichen Baumbestands.
Dann überquert man nacheinander einige Steilrippen, in denen
nichts als Kalkschotter liegt. Hier ist der Weg ein bisschen
gefährlich, denn der Pfad durch die Steine ist nicht sehr
breit. Wenn dazu noch im Frühjahr einige Schneereste den Weg
unkenntlich machen, sollte man das Risiko lieber meiden.
Entweder man kehrt also auf dem gleichen Weg um und nimmt
schließlich den serpentinenreichen GR4 zum Gipfel, oder man
biegt nach rechts Richtung Tête de la Grave ab, um den
langgestreckten Kamm zu erreichen.
Wählt man den Rückweg über den Bergkamm, hat man
allerdings die ganze Zeit die Gebäude der Wetterstation auf
dem Gipfel vor Augen. Für die Orientierung ist das zwar nicht
schlecht, aber der Anblick an sich ist eher unästhetisch.
Man sollte sich für den Tag dieser Wanderung nichts anderes vornehmen. Sie ist anstrengend, will aber auch genossen werden. Unterwegs bieten sich Möglichkeiten zur Rast, bei herrlichen Ausblicken zu den Alpen und den näher gelegenen Hügeln.
Das Chalet Reynard erreicht man von Osten aus über Sault oder aus Bédoin im Süden über direkte Straßen. Wer nicht zu Fuß gehen möchte, kann einfach weiterfahren bis zum Gipfel und braucht sich dort im Getümmel geparkter Autos auch gar nicht zu schämen.
Die Wanderstrecke wurde im exzellenten Büchlein Mes 52
plus belles balades en Provence
von Jean-Pierre Pomarel
beschrieben. Leider musste ich an anderen Orten feststellen, dass
gedruckte Wanderführer schnell altern. Diese Ausgabe von 1993
ist für viele darin beschriebene Wanderungen einfach nicht
mehr zu gebrauchen, weil die Wegmarkierungen sich geändert
haben oder die Natur einige der interessanten Stellen
unzugänglich gemacht hat.
Für den Ventoux gilt das zum Glück nicht. Die Tour beginnt mit einem steilen Aufstieg zum Bergkamm. Den sollte man langsam und aufmerksam begehen, denn danach wird es bis zum Gipfel sportlich aber.., nun ja-, etwas eintönig.
Bei Erreichen des Kamms bietet sich zunächst ein grandioser
Ausblick auf die Hügel im Norden, etwa wie auf den Fotos oben.
Jetzt dreht man sich nach links, bzw. Westen und freundet sich
schon einmal mit dem Bild der Wetterstation an, das einen für
längere Zeit nicht mehr verlassen wird.
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Auf dem Weg von hier zum Gipfel hatte ich das Gefühl, dem Turm kein bisschen näher zu kommen. Was auf dem Foto wie ein entspannter Spaziergang ausschaut, bringt ganz schön ins Schwitzen. |
Noch zu Zeiten Jean-Henri Fabres (siehe auch Orange ) galt der Ventoux als
nackter
oder rasierter
Berg. Man hatte in der ganzen
Provence für die Seeflotten der anciens régimes
die Wälder gerodet und, wie üblich, schnell wachsende
Bäume fremder Herkunft nachgepflanzt. Auch das immense
Schotterfeld des Ventoux-Gipfels wurde erst nach der Rodung
freigelegt. Heute sind die Hänge aufgeforstet und die
einzelnen, übriggebliebenen Exemplare uralter Bäume
werden gehätschelt. Das Schotterfeld wird aber wohl immer aus
weiter Entfernung zu sehen sein.
Die beeindruckendste Sinneswahrnehmung auf dem Gipfel des Mont
Ventoux kann ich nicht im Foto festhalten. Das ist der
kräftige und auch im Sommer ausgesprochen kalte Wind. Wer in
der Wärme aufbricht, wird sich zwangsläufig wundern. Man
muss unbedingt winddichte Kleidung, einen Pullover und vielleicht
ein T-Schirt zum Wechseln mitnehmen.
Dann kann man sich auch nach der Anstrengung noch im Cafee etwas
Zeit lassen und die Aussicht länger genießen.
Der Rückweg über den Südhang zum Chalet Reynard
geht zunächst nach Westen an der Kapelle St. Croix vorbei,
dann über ein kurzes Stück ziemlich steil abwärts
bis etwa zum sogenannten Batiment
, einer steinernen
Schutzhütte, die für Wanderer auch zum Übernachten
taugt. Auch von dort aus, bis zum Chalet
, ist dem Pfad
leicht zu folgen.
Oben geht man noch über Schotter, dann durch lichtes
Buschwerk, am Ende durch den Wald. Kurz vor dem Parkplatz trifft
man zwangsläufig auf die Straße (vorsicht, Radfahrer von
hinten). Verwickeln Sie die hinaufstrampelnden Helden nicht in
lange Gespräche, aber sagen Sie Bonjour
.
Wenn mein Text vielleicht zu trocken und krittelig wirkt, hier
nochmal zur Klarstellung: Ich LIEBE diesen Mont
Ventoux !
Außer den geschilderten, hält eine Tour am Mont Ventoux
keine unerwarteten Ereignisse bereit. Darum eignet sie sich meiner
Ansicht nach auch ganz besonders für einsame Alleinwanderer,
solange man keine unnötigen Risiken eingeht. Es gibt hier
genug zu sehen, zu hören, zu riechen und zu fühlen, um
den Tag, ohne ein Wort der Unterhaltung, zu einem großen
Ereignis zu machen.