
Die Landschaft
Die Cevennen sind riesig. Nimmt man das Umland des Nationalparks hinzu, ist zuerst schwer zu verstehen, wie ein so großes Gebiet, in dem sich unzählige teils dicht bewaldete Hügel mit steppenhaft wirkenden, flachen Plateaus (... ja, ich weiß) abwechseln, mitten in Europa das zwanzigste Jahrhundert überstehen konnte. Die Antwort lässt sich umso besser verdauen, je mehr man über die Geschichte der Bewohner dieser Region lernt. Noch vor gar nicht so langer Zeit lebten sie in einem isolierten Wirtschaftssystem auf der Basis ihrer Landwirtschaft. Später gewann die Aufzucht von Seidenraupen an Bedeutung, zunächst als Zubrot, dann in spezialisierten Betrieben.
So ist denn diese Natur, -ganz ähnlich wie die der Provence-, überhaupt nicht die ursprüngliche, sondern ebenfalls durch den Menschen völlig umgestaltet und durch ihn erst in den heutigen Zustand versetzt worden!
Man braucht ein ganzes Leben, um dieses Land zu entdecken und Ihr habt nur ein paar Tage...
Nach mehreren Hundert Jahren, in denen immer
wieder Wald gepflanzt wurde, -seien es Kastanienbäume die
Tiere und Menschen ernährten, oder andere Arten zum Schutz
gegen die Erosion-, setzt sich der Einfluss des Menschen noch fort.
Auf der einen Seite sind Beamte der staatlichen Forstbehörde
ONF bemüht, den Wald im Gleichgewicht zu halten.
Auf der anderen Seite stoßen sie dabei häufig auf den
Widerstand von Schafzüchtern und Jägern, die gar nicht so
viele Bäume wollen b.z.w. nur junge Triebe, die dem
Wildschweinbestand zugute kommen. Das führt nun dazu, dass
auch Waldbrände in diesen Bergen andere Ursachen haben
können, als z.B. in der Provence... Sie sind hier aber auch
viel seltener.
Von einem Beamten des ONF haben wir viel über den Wald und seine Arbeit damit erfahren. Von einem der Waldarbeiter ein paar Tage später auch noch, dass der Anblick der Berge selbst die Einheimischen, die kaum die Städte besuchen, noch fesseln kann.
Die Wanderung zu den Wasserfällen von Orgon war einer der Höhepunkte dieser Ferien.
Entdeckung des Pays Viganais, der Täler der Arre und des Coudoulous
Diese Überschrift ist ein bisschen abgekupfert. Sentiers de découverte en Pays
Viganais, vallées de l'Arre et du Coudoulous
heißt eine Broschürensammlung, die das
Fremdenverkehrsamt in Le Vigan gegen ein paar Euros hergibt. Darin
befinden sich Beschreibungen von sechzehn verschiedenen Wanderungen
im Pays Viganais.
Das erste Faltblatt dieses Guide Du Promeneur
(auch:
Topo-Guide) enthält allgemeine Hinweise und Ratschläge
für Wanderungen in der Gegend. Ein anderes listet
übersichtlich die Telefonnummern zahlreicher Hotels und
wichtiger Einrichtungen in den Ortschaften auf. Die restlichen
Broschüren behandeln jeweils eine einzige Wanderstrecke.
Für die Kürzesten wird eine Zeitdauer von zwei Stunden,
für die Längste sechs Stunden veranschlagt. Damit kann
aber nur die reine, zu Fuß zurückgelegte Wegstrecke
gemeint sein. Wer sich, wie wir, an den Aussichtspunkten Zeit nimmt
oder das Picknick am Mittag etwas ausdehnt, sollte getrost noch
eine Stunde draufschlagen. Die Autofahrt zu den am weitesten von Le
Vigan entfernten Startpunkten dürfte darüber hinaus eine
halbe Stunde dauren.
Die Anfahrt über die sehr serpentinenreichen und manchmal sehr
engen, nicht ungefährlichen Straßen sollte auch
möglichst keinen Stress verursachen. Man darf in dieser Gegend
offenbar auch langsamer fahren und wird dafür nicht mit
Drängelei oder Gehupe bestraft. Wer ein Wohnmobil sein Eigen nennt, kann von mir
noch einen Rat bekommen: Vergesst es! Ich werde keinen Zentimeter ausweichen und meine
Gesundheit riskieren, nur weil Ihr unbedingt mit dem LKW in den
Wald fahren müsst! Danke.
Mont Aigoual/Le Vigan
Zurück zum Zufußgehen und dem Topo-Guide: Alle Wanderungen sind geradezu einladend beschrieben. Der Text enthält nur zu einem geringen Teil Richtungsanweisungen. Für die Orientierung ist nach wie vor eine Wanderkarte notwendig, vorzugsweise die 2641ET aus der Série Bleue des IGN. Ein Ausschnitt aus genau dieser Karte ist auch in den Broschüren wiederzufinden. Dazu gibt es eine deutliche tabelarische Übersicht über die Art der Wegmarkierungen, zu erwartende Schwierigkeiten, das Höhenprofil und einem oder mehreren Interessenschwerpunkten, denen man sich auf jeder Strecke widmen kann, wenn man möchte.
Für die Wanderung
Sentier du Bosc
sieht das zum Beispiel so aus:
| Balisage | peinture jaune |
| Départ | Bez, place de l'église |
| Durée | 3 h |
| Kilométrage | 7 km |
| Difficultés | aucune |
| Intérêt | agriculture d'hier et d'aujourd'hui |
| Profil | (échelle des hauteurs multipliée par 5) Skizze des Höhenprofils |
Neben diesen hilfreichen Details klärt jede Broschüre über die Geschichte der besuchten Ortschaften, Vegetation und Tierwelt, sowie die sich wandelnde Lebensweise der Bevölkerung auf. Hier habe ich gelernt, dass die heutige Form der Wildschweinjagd, die bei der Auseinandersetzung mit diesem Landstrich so rasch zu einer natürlichen Komponente wird, doch erst seit der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in den Cevennen betrieben wird.
Sentier de L'Ecureuilhaben wir unbeabsichtigt in der zur Wegbeschreibung entgegengesetzten Richtung zurückgelegt. Baumfällarbeiten hatten uns wohl an einer kritischen Stelle veranlasst, den verkehrten Markierungen zu folgen. Halb so wild; hier bringt man nur eine vergleichsweise kurze Strecke hinter sich und die Orientierung fällt nicht schwer.
Leider konkurrieren auf dem gleichen Weg
manchmal zwei verschiedene Weisen der Markierung miteinander. Bei
den Wanderungen, bei denen wir uns an die Beschreibung des
Topo-Guides halten wollten, ist uns aufgefallen, dass die IGN-Karte
aktueller war und dem markierten Wegverlauf besser entsprach, als
die Anweisungen des Faltblatts.
So kann man freilich nicht verlorengehen. Trotzdem hätte es
mich gefreut, wenn die gedruckten Wegbeschreibungen wenigstens die
Himmelsrichtungen zur Orientierung verwenden würden. Statt
dessen werden wir an Wegabzweigungen nach links oder rechts
geschickt. Wo die Markierung zweideutig ist, verursacht das
mitunter die eine oder andere Diskussion. Hier hat es sich
ausgezahlt, dass Frauen immer Recht haben. Der Orientierungssinn
meiner Gattin war eindeutig besser als meiner.
Viel Wasser
Mein Verdacht, es habe in der Nähe unserer Wege Brände gegeben, weil mich der Zustand der Bäume darauf schließen ließ, war falsch. Vielmehr leidet die Vegetation hoch oben darunter, dass der Wind den Boden austrocknet, so dass manche Äste wie verbrannt wirken. Dabei überquert man beim Wandern ständig kleine Rinnsale und Bäche.
Unten in den Tälern und Schluchten haben sich malerische Flusslandschaften gebildet. Städte und Dörfer gewinnen an Flair durch die eine oder andere hübsche Brücke oder auch mal, -wie im Fall von Valleraugue-, ein halbes Dutzend dieser Bauwerke.
Das Tal des Hérault ist besonders schön. Hierzulande
kennt man wohl den Vin du Pays de l'Hérault
(bei
Norma und Aldi die Liter-Flasche für unter drei €). Es
stammen noch andere Weine aus den Cevennen, einige gute auch mit
dem Hérault im Namen. Von Le Vigan kommend erreicht man den
Fluss über die Straße, die wiederum an der Arre
entlangführt, bis sich beide Flüsse bei Pont
d'Hérault vereinigen.
Die Flüsse bieten häufig Bademöglichkeiten, so die Arre ganz in der Nähe von Le Vigan oder der Hérault bei Valleraugue. Eine etwas andere Weise, sich sportlich im Wasser zu bewegen und dabei noch die Landschaft zu genießen, bot uns zwei Tage nach der Anreise die Schlucht der Dourbie, etwas westlich der gleichnamigen Ortschaft, im Parc National des Cévennes
Causse Noir, Montagne du Lingas
Was ich immer im Grand Canyon du Verdon machen wollte, eine
Wasserwanderung (randonnée aquatique
), wurde uns im
Feriendorf von unserem späteren Führer Benjamin
vorgestellt und für den darauffolgenden Tag vorgeschlagen.
Meine Frau und ich blieben an diesem Tag die einzigen Teilnehmer an
der Tour und so hatten wir beinahe ein schlechtes Gewissen, als uns
Benjamin auf die mehr als halbstündige Autofahrt über die
serpentinenreiche Strecke zum Startpunkt karrte. Die
Ausrüstung hatten wir vorher im Heck des Transporters
verstaut. Sie bestand für jeden von uns drei aus einer
Neopren-Kombination, einer Gesäß-Schürze (ich nenne
das so, weil es so aussieht und -funktioniert) und einem Helm.
Nur mit Badehose oder Badeanzug bekleidet stiegen
wir am steinigen Flussufer in die Kombination und ließen sie
anschließend im recht kalten Wasser erst einmal
vollaufen
. Die Erfrischung hielt nicht lange an, da die Tour
begann und rasch sportlich wurde.
Überwiegend auf dem Hintern rutschend, aber auch schwimmend,
watend, in Rücken- oder Bauchlage von der Strömung
vorrangetrieben, brachten wir die wildesten Flusspartien hinter
uns. Die Höhepunkte erreicht eine solche Wasserwanderung, wo
der Fluss sich durch Felsen schlängelt und man die Kraft der
Strömung beim Überwinden von Felsbarrieren spürt.
Dort, wo die Wassertiefe es zuließ, litt der Schwimmstil
unter dem außerordentlichen Auftrieb des Neopren-Anzugs, so
dass wir uns dort eher treiben ließen.
Zur Tour gehörten auch vier oder fünf Sprünge von
den einige Meter hoch neben dem Flusslauf aufragenden Felsen. Unser
Führer hat die Passierbarkeit der schwierigen Stellen und die
Gelegenheiten zum Springen stets überprüft, weil der
Wasserstand der Dourbie sich ändert, was Risiken entstehen
lässt. Mit dem Vertrauen, das ich am Ende in seinen
Sachverstand hatte, konnte ich mich auch auf Aussagen verlassen,
wie: Spring lieber nicht zu weit nach links, da sind die
Felsen
. Ohnehin sprang er an dieser Stelle als erster, weil er
den wasserdichten Fotoaparat trug, um von unten das
Heldenfoto
zu schießen...
Nach der Rückkehr von dieser
dreistündigen Wasserwanderung kamen sowohl der Muskelkater,
als auch die Gedanken an die Schlucht und den wilden Fluss nur
langsam zur Ruhe. Für meine Frau und mich war das eine
wirklich außergewöhnliche Tour. Der Preis, den Benjamin
dafür verlangte, erschien uns angesichts seiner Aufwände
gering. Es fiel uns darum leicht, das Trinkgeld bis zum vollen
Schein
aufzustocken.

