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Die Landschaft

Die Cevennen sind riesig. Nimmt man das Umland des Nationalparks hinzu, ist zuerst schwer zu verstehen, wie ein so großes Gebiet, in dem sich unzählige teils dicht bewaldete Hügel mit steppenhaft wirkenden, flachen Plateaus (... ja, ich weiß) abwechseln, mitten in Europa das zwanzigste Jahrhundert überstehen konnte. Die Antwort lässt sich umso besser verdauen, je mehr man über die Geschichte der Bewohner dieser Region lernt. Noch vor gar nicht so langer Zeit lebten sie in einem isolierten Wirtschaftssystem auf der Basis ihrer Landwirtschaft. Später gewann die Aufzucht von Seidenraupen an Bedeutung, zunächst als Zubrot, dann in spezialisierten Betrieben.

Blick nach Nord-Westen vom Monument André Chamson aus  
Das Foto links entstand neben dem Grabmahl des Schriftstellers André Chamson und seiner Frau, nördlich des Cap de Côte.
Aussichtspunkt NW des Cap de Côte  

So ist denn diese Natur, -ganz ähnlich wie die der Provence-, überhaupt nicht die ursprüngliche, sondern ebenfalls durch den Menschen völlig umgestaltet und durch ihn erst in den heutigen Zustand versetzt worden!

Informationstafel am Cap de Côte  
Man braucht ein ganzes Leben, um dieses Land zu entdecken und Ihr habt nur ein paar Tage...

Nach mehreren Hundert Jahren, in denen immer wieder Wald gepflanzt wurde, -seien es Kastanienbäume die Tiere und Menschen ernährten, oder andere Arten zum Schutz gegen die Erosion-, setzt sich der Einfluss des Menschen noch fort. Auf der einen Seite sind Beamte der staatlichen Forstbehörde ONF bemüht, den Wald im Gleichgewicht zu halten.
Auf der anderen Seite stoßen sie dabei häufig auf den Widerstand von Schafzüchtern und Jägern, die gar nicht so viele Bäume wollen b.z.w. nur junge Triebe, die dem Wildschweinbestand zugute kommen. Das führt nun dazu, dass auch Waldbrände in diesen Bergen andere Ursachen haben können, als z.B. in der Provence... Sie sind hier aber auch viel seltener.

Von einem Beamten des ONF haben wir viel über den Wald und seine Arbeit damit erfahren. Von einem der Waldarbeiter ein paar Tage später auch noch, dass der Anblick der Berge selbst die Einheimischen, die kaum die Städte besuchen, noch fesseln kann.

Foto: Am Grabmal von André Chamson, Blick nach Süd-Westen Foto: Fernsicht auf dem Sentier de l'Ecureuil  
Der Sentier de l'Ecureuil und der Sentier des Cascades d'Orgon beginnen nicht weit von Le Vigan am Cap de Côte, ziemlich genau nördlich der Stadt und führen in den Nationalpark hinein.
Die Wanderung zu den Wasserfällen von Orgon war einer der Höhepunkte dieser Ferien.
Foto: Oberhalb der Wasserfälle von Orgon Foto: Auf dem Weg zu den Wasserfällen von Orgon  

Entdeckung des Pays Viganais, der Täler der Arre und des Coudoulous

Diese Überschrift ist ein bisschen abgekupfert. Sentiers de découverte en Pays Viganais, vallées de l'Arre et du Coudoulous heißt eine Broschürensammlung, die das Fremdenverkehrsamt in Le Vigan gegen ein paar Euros hergibt. Darin befinden sich Beschreibungen von sechzehn verschiedenen Wanderungen im Pays Viganais.

Das erste Faltblatt dieses Guide Du Promeneur (auch: Topo-Guide) enthält allgemeine Hinweise und Ratschläge für Wanderungen in der Gegend. Ein anderes listet übersichtlich die Telefonnummern zahlreicher Hotels und wichtiger Einrichtungen in den Ortschaften auf. Die restlichen Broschüren behandeln jeweils eine einzige Wanderstrecke. Für die Kürzesten wird eine Zeitdauer von zwei Stunden, für die Längste sechs Stunden veranschlagt. Damit kann aber nur die reine, zu Fuß zurückgelegte Wegstrecke gemeint sein. Wer sich, wie wir, an den Aussichtspunkten Zeit nimmt oder das Picknick am Mittag etwas ausdehnt, sollte getrost noch eine Stunde draufschlagen. Die Autofahrt zu den am weitesten von Le Vigan entfernten Startpunkten dürfte darüber hinaus eine halbe Stunde dauren.
Die Anfahrt über die sehr serpentinenreichen und manchmal sehr engen, nicht ungefährlichen Straßen sollte auch möglichst keinen Stress verursachen. Man darf in dieser Gegend offenbar auch langsamer fahren und wird dafür nicht mit Drängelei oder Gehupe bestraft. Wer ein Wohnmobil sein Eigen nennt, kann von mir noch einen Rat bekommen: Vergesst es! Ich werde keinen Zentimeter ausweichen und meine Gesundheit riskieren, nur weil Ihr unbedingt mit dem LKW in den Wald fahren müsst! Danke.

Zurück zum Zufußgehen und dem Topo-Guide: Alle Wanderungen sind geradezu einladend beschrieben. Der Text enthält nur zu einem geringen Teil Richtungsanweisungen. Für die Orientierung ist nach wie vor eine Wanderkarte notwendig, vorzugsweise die 2641ET aus der Série Bleue des IGN. Ein Ausschnitt aus genau dieser Karte ist auch in den Broschüren wiederzufinden. Dazu gibt es eine deutliche tabelarische Übersicht über die Art der Wegmarkierungen, zu erwartende Schwierigkeiten, das Höhenprofil und einem oder mehreren Interessenschwerpunkten, denen man sich auf jeder Strecke widmen kann, wenn man möchte.

Für die Wanderung Sentier du Bosc sieht das zum Beispiel so aus:

Balisage peinture jaune
Départ Bez, place de l'église
Durée 3 h
Kilométrage 7 km
Difficultés aucune
Intérêt agriculture d'hier et d'aujourd'hui
Profil (échelle des hauteurs multipliée par 5)
Skizze des Höhenprofils

Neben diesen hilfreichen Details klärt jede Broschüre über die Geschichte der besuchten Ortschaften, Vegetation und Tierwelt, sowie die sich wandelnde Lebensweise der Bevölkerung auf. Hier habe ich gelernt, dass die heutige Form der Wildschweinjagd, die bei der Auseinandersetzung mit diesem Landstrich so rasch zu einer natürlichen Komponente wird, doch erst seit der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in den Cevennen betrieben wird.

Der skeptische Blick in die Karte. Den Sentier de L'Ecureuil haben wir unbeabsichtigt in der zur Wegbeschreibung entgegengesetzten Richtung zurückgelegt. Baumfällarbeiten hatten uns wohl an einer kritischen Stelle veranlasst, den verkehrten Markierungen zu folgen. Halb so wild; hier bringt man nur eine vergleichsweise kurze Strecke hinter sich und die Orientierung fällt nicht schwer.
Foto: Skeptischer Blick in die Karte
Foto: Auf dem Sentier de l'écureuil  

Leider konkurrieren auf dem gleichen Weg manchmal zwei verschiedene Weisen der Markierung miteinander. Bei den Wanderungen, bei denen wir uns an die Beschreibung des Topo-Guides halten wollten, ist uns aufgefallen, dass die IGN-Karte aktueller war und dem markierten Wegverlauf besser entsprach, als die Anweisungen des Faltblatts.
So kann man freilich nicht verlorengehen. Trotzdem hätte es mich gefreut, wenn die gedruckten Wegbeschreibungen wenigstens die Himmelsrichtungen zur Orientierung verwenden würden. Statt dessen werden wir an Wegabzweigungen nach links oder rechts geschickt. Wo die Markierung zweideutig ist, verursacht das mitunter die eine oder andere Diskussion. Hier hat es sich ausgezahlt, dass Frauen immer Recht haben. Der Orientierungssinn meiner Gattin war eindeutig besser als meiner.

Viel Wasser

Mein Verdacht, es habe in der Nähe unserer Wege Brände gegeben, weil mich der Zustand der Bäume darauf schließen ließ, war falsch. Vielmehr leidet die Vegetation hoch oben darunter, dass der Wind den Boden austrocknet, so dass manche Äste wie verbrannt wirken. Dabei überquert man beim Wandern ständig kleine Rinnsale und Bäche.

Unten in den Tälern und Schluchten haben sich malerische Flusslandschaften gebildet. Städte und Dörfer gewinnen an Flair durch die eine oder andere hübsche Brücke oder auch mal, -wie im Fall von Valleraugue-, ein halbes Dutzend dieser Bauwerke.

Das Tal des Hérault ist besonders schön. Hierzulande kennt man wohl den Vin du Pays de l'Hérault (bei Norma und Aldi die Liter-Flasche für unter drei €). Es stammen noch andere Weine aus den Cevennen, einige gute auch mit dem Hérault im Namen. Von Le Vigan kommend erreicht man den Fluss über die Straße, die wiederum an der Arre entlangführt, bis sich beide Flüsse bei Pont d'Hérault vereinigen.

Die Flüsse bieten häufig Bademöglichkeiten, so die Arre ganz in der Nähe von Le Vigan oder der Hérault bei Valleraugue. Eine etwas andere Weise, sich sportlich im Wasser zu bewegen und dabei noch die Landschaft zu genießen, bot uns zwei Tage nach der Anreise die Schlucht der Dourbie, etwas westlich der gleichnamigen Ortschaft, im Parc National des Cévennes

Was ich immer im Grand Canyon du Verdon machen wollte, eine Wasserwanderung (randonnée aquatique), wurde uns im Feriendorf von unserem späteren Führer Benjamin vorgestellt und für den darauffolgenden Tag vorgeschlagen. Meine Frau und ich blieben an diesem Tag die einzigen Teilnehmer an der Tour und so hatten wir beinahe ein schlechtes Gewissen, als uns Benjamin auf die mehr als halbstündige Autofahrt über die serpentinenreiche Strecke zum Startpunkt karrte. Die Ausrüstung hatten wir vorher im Heck des Transporters verstaut. Sie bestand für jeden von uns drei aus einer Neopren-Kombination, einer Gesäß-Schürze (ich nenne das so, weil es so aussieht und -funktioniert) und einem Helm.

Wasserwandern in der Dourbie Wasserwandern in der Dourbie Wasserwandern in der Dourbie  

Nur mit Badehose oder Badeanzug bekleidet stiegen wir am steinigen Flussufer in die Kombination und ließen sie anschließend im recht kalten Wasser erst einmal vollaufen. Die Erfrischung hielt nicht lange an, da die Tour begann und rasch sportlich wurde.
Überwiegend auf dem Hintern rutschend, aber auch schwimmend, watend, in Rücken- oder Bauchlage von der Strömung vorrangetrieben, brachten wir die wildesten Flusspartien hinter uns. Die Höhepunkte erreicht eine solche Wasserwanderung, wo der Fluss sich durch Felsen schlängelt und man die Kraft der Strömung beim Überwinden von Felsbarrieren spürt. Dort, wo die Wassertiefe es zuließ, litt der Schwimmstil unter dem außerordentlichen Auftrieb des Neopren-Anzugs, so dass wir uns dort eher treiben ließen.

Zur Tour gehörten auch vier oder fünf Sprünge von den einige Meter hoch neben dem Flusslauf aufragenden Felsen. Unser Führer hat die Passierbarkeit der schwierigen Stellen und die Gelegenheiten zum Springen stets überprüft, weil der Wasserstand der Dourbie sich ändert, was Risiken entstehen lässt. Mit dem Vertrauen, das ich am Ende in seinen Sachverstand hatte, konnte ich mich auch auf Aussagen verlassen, wie: Spring lieber nicht zu weit nach links, da sind die Felsen. Ohnehin sprang er an dieser Stelle als erster, weil er den wasserdichten Fotoaparat trug, um von unten das Heldenfoto zu schießen...

Wasserwandern in der Dourbie
Wasserwandern in der Dourbie Wasserwandern in der Dourbie
Wasserwandern in der Dourbie  

Nach der Rückkehr von dieser dreistündigen Wasserwanderung kamen sowohl der Muskelkater, als auch die Gedanken an die Schlucht und den wilden Fluss nur langsam zur Ruhe. Für meine Frau und mich war das eine wirklich außergewöhnliche Tour. Der Preis, den Benjamin dafür verlangte, erschien uns angesichts seiner Aufwände gering. Es fiel uns darum leicht, das Trinkgeld bis zum vollen Schein aufzustocken.


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